Was bedeutet die seltene Krankheit Akromegalie?

Wenigen ist die Krankheit Akromegalie ein Begriff. Die meisten haben aber schon einmal den „größten Menschen der Welt“ – Sultan Kösen – gesehen. Mit 2m51 Körpergröße überragt er alle. Und er ließ sich erst unlängst gegen Akromegalie behandeln. OÄ Dr. Claudia Stiegler erklärt, was es mit der seltenen Krankheit auf sich hat.

Was versteht man unter Akromegalie und wie häufig ist diese seltene Erkrankung?

Unter Akromegalie versteht man die übermäßige Produktion von Wachstumshormonen im Erwachsenenalter, wobei die Ursache in fast zu 100% ein Hypophysen-Adenom ist. Es handelt sich dabei um ein gutartiges Gewächs in der Hirnanhangdrüse, das sich direkt hinter der Stirn in unmittelbarer Nähe der Sehnervenkreuzung befindet.

Die Erkrankung ist selten, pro Million Einwohner muss man mit 50 bis 70 Fällen rechnen, pro Jahr kommen zirka 3-4 neue Fälle dazu.

OA Dr. Claudia Stiegler
OA Dr. Claudia Stiegler ist Fachärztin für Endokrinologie an der Medizinischen Universität Graz.

Handelt es sich um eine vererbbare Krankheit?

Sehr selten kann die Akromegalie im Rahmen einer Multiplen Endokrinen Neoplasie Typ 1 (MEN 1) vorkommen, bei der mehrere Tumore in hormonproduzierenden Organen (Nebenschilddrüsen, Nebennieren, Hirnanhangdrüse, Bauchspeicheldrüse) oder auch anderen Organen (Haut, Magen-Darmtrakt, Lunge) auftreten können.

Um die Diagnose zu stellen, müssen mindestens zwei der hormonbildenden Organe betroffen sein, was durch die Überproduktion der Hormone in den jeweiligen Organen typische Beschwerden hervorruft. Die Vererbung erfolgt autosomal dominant, was statistisch gesehen bedeutet, dass die Erkrankung von einem betroffenen Elternteil auf die Hälfte der Kinder vererbt werden könnte. Nur bei begründetem Verdacht auf das Vorliegen einer MEN1 kann durch eine genetische Untersuchung die Diagnose gesichert werden.

Gibt es klassische Symptome? Welche Symptome treten auf?

Ein großes Problem in der Erkennung der Akromegalie ist das langsame, schleichende Auftreten der Symptome, denn zwischen dem Beginn der Erkrankung und der Diagnosestellung vergehen durchschnittlich 8-10 Jahre.

Die häufigsten Symptome sind Vergrößerung der Akren (Hände und Füße), was dazu führt, dass sich die Schuhgröße im Laufe der Jahre um oft mehrere Nummern erhöht. Die Hände werden größer, die Finger schwellen an, Ringe passen nicht mehr. Die Patientinnen und Patienten klagen häufig über Kopf- und Gelenksschmerzen und schwitzen stark (feuchter Händedruck).

Entwickelt sich bei langem Bestehen ein großer Tumor mit einem Durchmesser über 1 cm, können durch Druck des Adenoms auf die Sehnerven Sehstörungen und ein eingeschränktes Gesichtsfeld („Scheuklappen“) entstehen. Durch Druck des Tumors auf das gesunde Gewebe der Hirnanhangdrüse kann es zum Ausfall anderer Hormone kommen, am häufigsten ist die Produktion der Geschlechtshormone betroffen, was zu Zyklusstörungen bei der Frau, Verlust des sexuellen Verlangens und der Potenz führen kann.

Das klinische Vollbild der Akromegalie ist bedingt durch das Wachstum des Weichteilgewebes und der Knochen im Gesicht und der Akren. Die Betroffenen  haben verdickte Lippen, eine vergrößerte Nase und vergröberte Gesichtszüge mit tiefen Falten und prominenten Stirnhöckern. Durch Wachstum des Unterkiefers erweitern sich die Zahnzwischenräume, die Zunge ist fleischig verdickt, die Sprache dadurch oft kloßig. Viele weisen erhöhten Blutdruck und einen gestörten Zuckerstoffwechsel auf, ungefähr 25% haben zum Zeitpunkt der Diagnosestellung bereits einen Diabetes mellitus.

Auch die inneren Organe können wachsen, es kommt häufig zu einer Größenzunahme des Herzens und der Schilddrüse. Das Weichteilgewebe im Nasen-Rachenraum verdickt sich, die Patientinnen und Patienten schnarchen häufig, entwickeln Polypen in den Nasennebenhöhlen oder eine Schlaf-Apnoe mit Atemaussetzern in der Nacht. Im Darm kann es zum gehäuften Auftreten von Polypen kommen, die bei längerem Bestehen entarten und zu Darmkrebs führen können.

Bei einem Verdacht auf Akromegalie, wie soll man vorgehen? Wie erfolgt die Diagnose?

Bei Verdacht auf das Vorliegen einer Akromegalie wird neben Wachstumshormon (human growth hormone, HGH), das allerdings während des Tages stark schwankt, der insulinartige Wachstumsfaktor (IGF-1) bestimmt, der die meisten Effekte des Wachstumshormons vermittelt und in der Leber unter dem Einfluss von Wachstumshormon produziert wird.

Im Gegensatz zum Wachstumshormon weist IGF-1 stabile Blutspiegel während des ganzen Tages auf und ist daher der führende Laborparameter und sichert die Diagnose einer Akromegalie, sofern eine deutliche Erhöhung (>50% der Altersnorm) vorliegt.

Ist IGF-1 nur gering erhöht, sollte zusätzlich eine Bestimmung von Wachstumshormon im Rahmen eines oralen Glukosetoleranztests (oGTT) erfolgen. Die Patientinnen und Patienten müssen bei diesem Test eine bestimmte Menge von in Wasser gelöstem Zucker trinken, davor und danach wird dann mehrmals die Konzentration von Wachstumshormon im Blut gemessen. Bei Gesunden wird die Ausschüttung von Wachstumshormon aus der Hirnanhangdrüse unterdrückt (Blutspiegel < 0,5ng/ml), nicht aber beim Vorliegen einer Akromegalie.

Liegt eine Überproduktion von Wachstumshormon und IGF-1 vor, wird ergänzend eine Magnetresonanzuntersuchung (MRT) der Hirnanhangdrüse durchgeführt, da in nahezu 100% der Fälle ein Hypophysen-Adenom (Gewächs in der Hirnanhangdrüse) für die Akromegalie verantwortlich ist. Um auszuschließen, dass auch andere Hormone der Hypophyse betroffen sind, erfolgt eine Laborbestimmung aller Hormone, die in der Hirnanhangdrüse produziert werden. Liegt ein großes Adenom vor, sollte unbedingt aufgrund der engen Nachbarschaft der Hypophyse zu den Sehnerven ergänzend eine augenfachärztliche Untersuchung der Sehkraft und des Gesichtsfeldes durchgeführt werden.

Wie wird die Akromegalie behandelt?

Die Operation stellt die einzige Chance auf Heilung dar und ist daher die Therapie der ersten Wahl, wobei die operative Erfolgsrate direkt von der Erfahrung des Neurochirurgen/ der Neurochirurgin abhängt. Man sollte daher ein Zentrum aufsuchen, in dem diese Operationen auch regelmäßig durchgeführt werden.

In den meisten Fällen muss nicht die Schädeldecke eröffnet werden, sondern die Operation erfolgt durch die Nase, da die Hirnanhangdrüse direkt hinter der Stirn liegt und daher gut zugänglich ist. Liegt ein kleines Adenom (Mikroadenom, < 1cm im Durchmesser) vor, so besteht in bis zu 100% der Fälle eine Chance auf komplette Heilung durch die Operation. Das unterstreicht die Wichtigkeit einer möglichst frühzeitigen Diagnosestellung.

Bei großen Adenomen gelingt auch in sehr erfahrenen Zentren in nur zirka 50% eine Heilung durch die Operation. Trotzdem sollte immer eine Operation erfolgen, um das Adenom möglichst zu verkleinern, auch wenn bereits vor der Operation eine komplette Entfernung ausgeschlossen erscheint. Je niedriger die Wachstumshormon- bzw. IGF1-Spiegel sind, umso eher gelingt die Normalisierung durch eine anschließende medikamentöse Therapie.

Ist ein Restadenom nachweisbar, was bei großen Tumoren häufiger vorkommt, wird das weitere Vorgehen durch Besprechung in einem multidisziplinären Team festgelegt. Die Entscheidung soll durch die Neurochirurgen, Radiologen, Endokrinologen und Strahlentherapeuten gemeinsam erfolgen.

Als Behandlungsmöglichkeiten stehen eine Zweitoperation, eine Bestrahlung des Restgewebes oder eine medikamentöse Therapie zur Verfügung, meistens erfolgt eine Kombination, das heißt es wird zum Senken der erhöhten Laborparameter eine medikamentöse Therapie eingeleitet, da vor allem die Bestrahlung lange Zeit benötigt um eine Normalisierung der Hormone zu erreichen.

Sind die Hormone postoperativ weiterhin erhöht, obwohl kein Adenom mehr nachweisbar ist, wird eine medikamentöse Therapie eingeleitet, wobei mehrere Präparate zur Verfügung stehen. Die Entscheidung, welches Medikament eingesetzt wird, hängt von der Höhe der Hormone ab. Falls die Therapie mit einem einzigen Medikament nicht ausreicht, kann auch eine Kombination von mehreren Präparaten sinnvoll sein.

Wie sehen Sie Lebensqualität und Lebenserwartung?

Sind Medikamente nach der Operation notwendig, so werden diese meist gut vertragen. Nebenwirkungen sind selten und können gut behandelt werden oder das Medikament wird gewechselt. Unter laufender medikamentöser Therapie werden meist halbjährliche Kontrolluntersuchungen durchgeführt, ist die Erkrankung durch die Operation geheilt, sind jährliche Kontrollen ausreichend.

Wird eine Normalisierung der Hormone erreicht, bilden sich viele Symptome und Begleiterkrankungen der Akromegalie wieder zurück, die Betroffenen haben dann eine normale Lebenserwartung. Unbehandelt ist die Akromegalie allerdings mit einer um durchschnittlich 10 Jahre verkürzten Lebenserwartung verbunden, wobei die häufigsten Todesursachen Herz-Kreislauferkrankungen sind.

Autorin: OA Dr. Claudia Stiegler
Bilder: Adobe Stock | ZVG

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