Hilfe für entzündete Nerven

Chronische Erkrankungen des Nervensystems können Lebensqualität und selbstbestimmte Lebensführung der Betroffenen massiv einschränken. Neben der richtigen Diagnose ist entscheidend, ob eine wirksame Therapie zur Verfügung steht.

Durch fehlgeleitete Immunreaktionen können Entzündungen von Nerven in Beinen und auch Armen verursacht werden. Durch die Nervenschädigung treten Lähmungen und Taubheitsgefühle auf, die Gangfähigkeit und Selbstständigkeit bedrohen. Diese sogenannten Immun-Neuropathien werden Demyelinisierende Polyradikuloneuropathie (CIDP) oder Multifokale Motorische Neuropathie (MMN) genannt. Die Namen beschreiben die Schädigungsart und den Ort des Schadens im Nerven. Beide Erkrankungen sind eher selten. Behandlungserfolge hängen vor allem davon ab, wie früh die Erkrankung erkannt und behandelt wird. Bei beiden Krankheiten sind Immunglobuline wirksam, die sich der Patient, nach sorgfältiger Schulung, in Heimtherapie selbst unter die Haut infundieren kann.

Einer der Neurologen, der langjährige Erfahrung in der subkutanen Immunglobulintherapie besitzt, ist Professor Dr. Stefan Braune vom Neurozentrum Prien am Chiemsee. Er beschäftigt sich seit fast 30 Jahren mit neurologischen Erkrankungen und lehrt Neurologie an der TU München.

Prof. Dr. Stefan Braune
Prof. Dr. Stefan Braune, Facharzt für Neurologie, Neurozentrum Prien am Chiemsee

Professor Braune, was ist der Zweck der Immunglobuline und das Besondere an der Wirkweise dieser Stoffe?

Immunglobuline werden vom Immunsystem jedes Menschen hergestellt als Abwehr gegen Fremdstoffe, sogenannte Antigene, z.B. Moleküle auf der Oberfläche von Bakterien. Diese Eiweißstoffe werden als reines Medikament aus Blutspenden gewonnen. Nach mehrstufigen Extraktions- und Reinigungsschritten können sie auch vom Patienten selbst subkutan, d.h. unter die Haut, injiziert werden. Durch Immunglobuline wird ein körpereigener Regulationsmechanismus aktiviert, der z.B. die falsche Entzündungsreaktion an den Nervenbahnen beendet. Dann können sich die Nervenzellen erholen und ihre Funktion wieder aufnehmen, d.h. neurologische Ausfälle können gestoppt und sogar tatsächlich gebessert werden.

Wovon hängt es ab, ob die Therapie anschlägt; wie hoch sind die Chancen, dass sich die Lebensqualität nachhaltig erhöht?

Wichtig ist vor allem, frühzeitig richtig zu diagnostizieren. Denn der Behandlungserfolg ist umso besser, je eher die Therapie beginnt. Solange die Nervenzellen nicht untergegangen sind, können sie sich unter der Therapie erholen. In den klinischen Studien mit subkutanen Immunglobulinen bei CIDP und MMN erfährt gut die Hälfte der Patienten eine beträchtliche Besserung ihrer Symptome; bei einem Viertel kann die Therapie sogar nach bis zu einem Jahr abgeschlossen werden. Das gilt allerdings nur für die CIDP; bei der MMN ist eine langfristige Medikation nötig um die fehlgeleitete Immunaktivierung zu kontrollieren.

Grundsätzlich ist die subkutane Immunglobulintherapie gut verträglich. Schwerwiegende Nebenwirkungen kennen wir dabei nicht. Die subkutane Therapie ist generell besser verträglich als die intravenöse Infusionstherapie.

Das Spritzen unter die Haut können Patienten oder Angehörige auch selbst häuslich vornehmen – unter welchen Voraussetzungen geht das?

Das Verfahren der subkutanen Selbstinfusion ist im buchstäblichen Sinne kinderleicht – es wird seit langem bei Kindern mit angeborenen Immundefekten erfolgreich angewendet, die eine lebenslange Therapie mit Immunglobulinen benötigen. Die kleinen und großen Patienten werden für den komplikationslosen Einsatz der Infusionspumpen geschult. Sie können die Selbstinfusionen z.B. unter die Bauchhaut – meist zweimal wöchentlich über 1 bis 2 Stunden –  entspannt abends beim Fernsehen zuhause vornehmen. Sie sind damit deutlich weniger beansprucht und viel flexibler als bei einer ambulanten oder sogar stationären Therapie.

Insgesamt hat sich gerade in den letzten zwei Jahren auf diesem Gebiet einiges getan: Es gibt inzwischen umfangreiche klinisch-wissenschaftliche Nachweise dafür, wie gut die subkutane Selbstinfusion mit Immunglobulinen bei CIDP und MMN wirkt. Wir sind froh für unsere Patienten, dass sich dieses Verfahren derart erfolgreich etabliert hat.

Autor: Michael Praschma
Bilder: Fotolia | ZVG

Weitere Inforamtionen zur subkutanen Immunglobulingabe:

2 Kommentare zu „Hilfe für entzündete Nerven“

    1. Seltene-Krankheiten.eu

      Sehr geehrte Frau Ranz,
      vielen Dank für Ihre Frage! Bei Polyneuropathien gibt es Behandlungsmöglichkeiten – am besten Fragen Sie Ihren Hausarzt oder Neurologen danach.

      Beste Grüße,
      Ihr Team vom Seltene-Krankheiten Magazin

Kommentar verfassen

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Mehr Artikel